Erinnerungen (1982)

Im Spätsommer 1981 kamen junge Friedensaktivisten in Dresden gemeinsam mit mir auf die Idee, auf unkonventionelle und nichtstaatliche Art und Weise ein Zeichen für Abrüstung und Frieden in der Form zu setzen, dass die Idee verfolgt wurde, sich am 13. Februar 1982 an der Ruine der Frauenkirche mit Kerzen schweigend zu treffen. Da an Druckmaschinen und Kopierer damals nicht zu denken war, wurden per Schreibmaschine und Blaupapier in mühsamer Feierabendarbeit Flugblätter erstellt und anschließend an Freunde und Bekannte verteilt, innerhalb der DDR per Post verschickt und im Herbst auf dem Schwarzbierfest an der Wallterrasse verteilt. Die Antwort der Sicherheitsorgane ließ nicht lange auf sich warten. Ich bekam auf der Lehrwerkstatt in Radebeul Besuch der Staatssicherheit, welche sich Anfangs nur etwas mit mir unterhalten wollten, mit der Zeit aber durchschauen ließen um was es ging und dass es auch Konsequenzen geben könnte. Gleichzeitig wurden ich und andere in die Volkspolizeizentrale des Bezirkes Dresden – der Schießgasse, speziell dem Neubau welcher mittlerweile abgerissen wurde – vorgeführt, Erkennungsdienstlich behandelt, sprich fotografiert, Fingerabdrücke und Geruchsproben wurden genommen und es wurde nach dem Ideengeber gefragt, der für die Flugblätter verantwortlich sei, welche mittlerweile, wie mir vorgehalten wurde, bis zum RIAS in Westberlin gelangt seien. Ich ließ mich aus Angst vor einer Haftstrafe auf eine Mitarbeit mit der Staatssicherheit ein – zumindest bis zu meinem Ausreiseantrag 1984. Nichtsdestotrotz kam es am 13. Februar 1982 durch Unterstützung von Jugendpfarrern und dem Pfarrer der Dresdner Kreuzkirche abends zu einem machtvollen Friedensgebet mit mehreren Tausend jungen Männern und Frauen aus der gesamten DDR und einer anschließenden Weiterführung der Idee an der Dresdner Frauenkirche in den folgenden Jahren.

Fakt ist, dass damals wie heute die Trauer der Dresdener und anderer kanalisiert, gesteuert und missbraucht wird und eine unabhängige und freie Trauer und Bekenntnisarbeit in der DDR genauso wie in der BRD kriminalisiert, verfolgt, verfemt und totgeschwiegen wird – wir aber gerade an diesem Abend in Dresden nicht als Nationalisten sondern als Bürger und Unterstützer der Dresdner, wie ich oft genug in den letzten Jahren erfahren durfte, gesehen werden und auch auf Grund dessen willkommen sind. Daher bin ich es leid zu erleben wie um Demotermine gestritten wird – für mich als Deutscher und Dresdner ist der 13. Februar Pflicht – egal welches Wetter gerade ist und egal welche Schikanen die Staatsmacht sich auf Weisung von ganz oben einfallen lässt – gedenken wir der Toten des Bombenholocaust in Dresden mit der Würde und Andacht die diese Opfer verdienen und machen sie nicht, genau wie die Herrschenden, zum Austragungsort von Partei- oder Privatinteressen.

Nils Reifenstein

Quelle:
Broschüre „DRESDEN – Der Menschlichkeit entgegen“
Aktionsbündnis gegen das Vergessen, 2010
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